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To shoot pictures...

 
Wim Wenders

(Vorwort aus: Wim Wenders,
"Einmal", Verlag der Autoren, Frankfurt/M. 1994)


Das Photographieren ist ein Akt in der Zeit, bei dem etwas aus seiner Zeit heraus­gerissen wird und in eine andere Art von Dauer überführt wird. Man nimmt immer an, daß das, was der Zeit entrissen wird, VOR der Kamera liegt. Aber das stimmt so nicht. Das Photographieren ist nämlich ein Akt in zwei Richtungen: nach vorne und nach hinten. Ja, es geht auch "nach hinten" los. Der Vergleich hinkt nicht einmal so fürchterlich. So wie der Jäger sein Gewehr anlegt, auf das Wild vor ihm zielt, den Abzug zieht, und wenn sich dann die Kugel aus dem Gewehr löst. Von dem Rückstoß nach hinten geworfen wird, so wird auch der Photograph zurückgestoßen, auf sich selbst, wenn er auf den Auslöser drückt. Ein Photo ist immer ein doppeltes Bild, es zeigt seinem Gegenstand und - mehr oder weniger sichtbar - "dahinter", den  „Gegenschuß": das Bild des Photographierenden im Moment der Aufnahme.

Dieses Gegenbild, das in jedem Photo enthalten ist, wird nicht von einer Linse fest­gehalten, so wie auch der Jäger nicht von seiner Kugel getroffen wird, sondern nur den Rückschlag spürt. Was also ist der "Rückschlag" des Photographen? Woran spürt man ihn? Wie zeichnet er sich in dem photographierten Bild ab? Was von ihm schlägt auf das Photo durch? Im Deutschen gibt es ein sehr bezeichnendes Wort für diesen Sachverhalt, ein Wort, das man aus ganz  verschiedenen Zusammenhängen kennt: die EINSTELLUNG. Man bezeichnet damit die Haltung, mit der sich jemand „auf etwas einstellt“, psychologisch oder moralisch, d.h. auf etwas vorbereitet und es dann „aufnimmt“. Die „Einstellung“ ist aber auch ein Begriff aus der Photographie oder aus dem Film, und definiert das Bild und seine Kadrierung, aber auch, wie die Kamera „eingestellt“ ist in den Licht- und Zeitwerten, mit denen der Kameramann dann „aufnimmt“.

Es ist kein Zufall, daß dasselbe Wort sowohl die Haltung definiert, als auch das in dieser Haltung produzierte Bild. Jede „Einstellung“ (also jedes Bild) reflektiert in der Tat die „Einstellung“ (Haltung) dessen, der dieses Bild „aufgenommen“ hat.

Dem Rückschlag des Jägers entspricht im Photo das dahinter mehr oder weniger sichtbare Portrait des Photographierenden. Dabei sind nicht seine Gesichtszüge fest­gehalten, sondern seine HALTUNG, seine Einstellung zu dem, was da vor ihm lag.

Die Kamera ist also ein Auge, welches von vorne und nach hinten gleichzeitig schauen kann. Nach vorne „schießt“ sie ein Bild, nach hinten zeichnet sie einen Schattenriß auf aus der Seele des Photographen: sie blickt also zurück, durch sein Auge hindurch, auf seinen Grund. Ja, eine Kamera sieht nach vorne hin ihr Objektiv, und sie sieht nach hinten hin den Grund, warum dieses Objekt festgehalten werden sollte. Sie zeigt gleichzeitig DIE DINGE und DEN WUNSCH nach ihnen. So. In jeder Sekunde drückt irgendwo auf der Welt jemand auf einen Auslöser und hält etwas fest, weil ihn (oder sie) ein ganz bestimmtes Licht fasziniert, oder ein GESICHT, oder eine GESTE, oder eine LANDSCHAFT, oder eine STIMMUNG oder weil einfach eine SITUATION festgehalten werden sollte. Die Objekte der Photographie, das ist offensichtlich, sind unzählig. Jede Sekunde multipliziert sie erneut ins Unendliche.

Jeder Moment eines Photographierens, irgendwo auf der Welt, ist dabei einmalig und einzigartig. Die Zeit, die unaufhaltsame Zeit, ist ja ein Garant dafür. Selbst Aber­tausende von Touristenschnappschüssen an den eigens dafür markierten „Photo opportunities“ sind jeder für sich einzigartig und einmalig. Die Zeit, selbst in ihren banalsten und lapidarsten Momenten, wie im Knipsen der Touristen, ist ein­malig und unwiderruflich. Das Erstaunliche an jedem Photo ist dabei nicht so sehr, daß dort, der landläufigen Meinung nach, „die Zeit festgehalten“ worden wäre, sondern im Gegenteil, daß sie gerade in jedem Foto aufs Neue beweist, WIE unauf­haltsam und stetig sie ist. Jedes Photo ist eine Erinnerung an unsere Sterblich­keit. Jedes Photo handelt von Leben und Tod. Jedes „festgehaltene Bild“ hat eine Aura von Heiligkeit, ist mehr als der Blick seines Photographen und übersteigt die Fähigkeit eines Menschen: Jedes Photo ist auch ein Akt der Schöpfung außerhalb der Zeit, aus der Sicht Gottes, sozusagen, und erinnert an dieses immer mehr in Vergessenheit geratene Gebot: „Du sollst Dir kein Bild machen…“.

Photographieren (besser: Photographieren-Dürfen) ist „zu schön, um wahr zu sein“. Genauso gut ist es aber zu wahr, um schön zu sein.

Jedes Photographieren ist immer auch ein Akt der Anmaßung und es Aufbegehrens. Photographieren lehrt daher sehr schnell Maßlosigkeit und soviel seltener Bescheiden­heit. (Deshalb findet man auch die „Einstellung“: Angeberei soviel öfter als die „Ein­stellung“: Demut.)

Nimmt eine Kamera also in beider Richtungen auf, nach vorne und nach hinten, und verschmilzt sie die beiden Bilder ineinander, so daß „hinten“ im „vorne“ ver­schwindet, so erlaubt sie dem Photographen auch schon im Moment der Aufnahme vorne bei den Dingen zu sein, und nicht von ihnen getrennt. Durch den Sucher hindurch kann der Suchende aus sich heraustreten und drüben sein, in der Welt, kann besser erinnern, kann besser verstehen, besser sehen, besser hören, mehr lieben. (Und ja, leider auch mehr verachten. Es gibt ihn ja auch, den „bösen Blick“.)

Jedes Photo, jedes „EIN MAL“ in der Zeit, ist auch der Beginn einer Geschichte, die anfängt mit „Es war einmal...“. Jedes Photo ist auch die erste Einstellung eines Films. Oft ist dann der nächste Moment, der nächste Druck auf den Auslöser ein paar Schritte weiter, das nachfolgende Bild also, schon das Aufspüren des Fortschreitens dieser Geschichte in dem ihr eigenen Raum und der ihr eigenen Zeit.

Mir ist jedenfalls im Laufe der Zeit mein Photographieren immer mehr ein „Geschichten­aufspüren“ geworden. In diesem Buch gibt es deshalb auch mehr Serien von Bildern als Einzelbilder. In jedem zweiten Bild beginnt jeweils schon „Montage“, bewegt sich die Geschichte, die sich im ersten Bild angekündigt hat, in ihre eigene Richtung, zirkelt ihr Raumgefühl ab und lässt ihr Zeitgefühl ahnen. Manchmal tauchen neue Darsteller auf, manchmal erweist sich die vermeintliche Hauptperson überhaupt nur als Nebenrolle, und manchmal ist gar keine Person im Mittelpunkt, sondern eine Landschaft.

Ich glaube fest an die geschichtenprägende Kraft von Landschaften. Es gibt Land­schaften, seien es nun Städte, Wüsten, Berglandschaften oder Küstenstriche, die geradezu nach Geschichten schreien. Sie beschwören „IHRE GESCHICHTEN“ herauf, ja SCHAFFEN sie sich. Landschaften können selbst Hauptakteure sein und die Menschen darin die Statisten. Und dann glaube ich genauso fest an die Erzähl­kraft von Requisiten. Was die aufgeschlagene Zeitung, die da auf einem Photo achtlos in der Ecke liegt, alles berichten kann! Oder die Reklametafel im Hintergrund! Oder das verrostete Auto, das angeschnitten an der Bildkante parkt! Ein Stuhl! Wie er so dasteht, gerade so daß sich eben noch jemand davon erhoben haben muß! Ein aufgeschlagenes Buch auf einem Tisch, von dem man den halben Titel lesen kann! Die leere Zigarettenschachtel auf dem Gehsteig! Die Kaffeetasse in der noch der Löffel steckt! Auf Photos können DINGE heiter oder traurig sein, ja sogar komisch oder tragisch.

Oder gar Kleidung! Auf vielen Photos ist sie das Aufregendste. Die herunterhängende Socke am Bein eines Kindes! Der umgestülpte Kragen eines Mannes, den man nur von hinten sieht. Schweißflecken! Falten! Gestopftes und Geflicktes! Fehlende Knöpfe! Frischgebügeltes! Die Lebensgeschichte einer Frau zusammengefasst in ihrem Kleid, in der Leidensgeschichte ihres Kleides! Das Drama eines Menschen, zum Ausdruck gebracht in seinem Mantel! Kleidung zeigt die Temperatur eines Bildes an, das Datum, die Tageszeit, Kriegszeit oder Friedenszeit.

Und alles erscheint vor der Kamera nur EIN MAL. Und dann macht jedes Photo aus diesem einen Mal ein IMMER. Erst DURCH das festgehaltene Bild wird Zeit sichtbar, und in der Zeit ZWISCHEN dem ersten Photo und dem zweiten erscheint die Geschichte, die ohne diese beiden Bilder für ein anderes IMMER lang in Vergessen­heit geraten wäre.

So wie wir im Moment des Photographierens verschwinden wollten hinaus in die Welt und hinein in die Dinge, so springen Welt und Dinge jetzt aus dem Photo heraus und hinein in jeden Betrachter und wollen dort weiterwirken. DORT erst entstehen die Geschichten, im Auge des Betrachters.

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